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Bundesliga-Event in Mülheim

Der Hamburger SK hatte bereits in Bremen mit seinen beiden Siegen gegen die Berliner Mannschaften den Klassenerhalt gesichert und deshalb Radek Wojtaszek und Robert Kempinski die gewünschte Vorbereitungszeit für die Europameisterschaft und eine ruhige Anreise nach Plovdiv gegönnt. Mit vier Großmeistern und vier Internationalen Meistern (wenn denn Dirk Sebastian endlich einmal seine Titelnormen einreichte) wollten wir dem SV Mülheim Nord und den Sportfreunden Katernberg Paroli bieten. Die Gewissheit, dass dieses Vorhaben in der 14. Runde gegen einen Kandidaten für die Vizemeisterschaft schwer würde, erleichterte vielen Spielern der Mannschaft, nach einem kleinen Nachtmahl in den Geburtstag der Teamchefin hineinzufeiern. Unsere Nachtruhe wurde weniger durch die Feier als durch eine jugendliche schwäbische Ringertruppe, die auch einen Wettkampf in Mülheim hatte, empfindlich verkürzt.

Runde 14: SV Mülheim Nord - HSK 5-3

Das Match gegen die Gastgeber wurde die erwartete harte Probe. Nach drei Stunden lehnte Dirk Sebastian am 8. Brett die Remisofferte von Gerhard Schebler ab, da Sune Berg Hansen diagnostiziert hatte, dass wir an vielen anderen Brettern Probleme hatten. Tatsächlich brachte mein Gang entlang der Bretter, verbunden mit der Absicht, auch kleine Chancen zu zählen, nicht gerade eine große Ausbeute. Jan Gustafsson gelang es allerdings am Spitzenbrett Dmitry Jakovenko (Elo 2710) auszubremsen. Der Mülheimer Vorsitzende Heinz Schmitz hatte meinem Vater diese Besetzung zwar schon vor einem halben Jahr angekündigt, aber leider war diese längst vergessene Information während der Vorbereitung auf die HSK Schachwoche im Elbe Einkaufszentrum nicht mehr bis zur Mannschaft gelangt, so dass Jan ohne besondere Vorbereitung spielen musste. Gegen den jungen Russen - Jugendweltmeister 2001, zuletzt mit einer Reihe von herausragenden Turnierergebnissen beim Aeroflot-Open und in Wijk aan Zee - half ihm ein im Zentrum verankerter Springer, der die Schwächen in der Bauernstruktur ausreichend kompensierte. Kurz nach der Zeitnot musste Dirk Sebastian mit einem Remis zufrieden sein, nachdem er es nicht geschafft hatte, seinen klaren Vorteil umzusetzen und in beidseitiger Zeitnot das Material so weit reduziert worden war, dass man in einem ausgeglichenen Turmendspiel gelandet war. Nach diesen beiden Punkteteilungen war es kein Vergnügen, die restlichen sechs Stellungen zu betrachten, da wir an wirklich allen Brettern Probleme hatten.
Die Mülheimer Profis Konstantin Landa, Daniel Fridman und Pavel Tregubov quälten die Hamburger Lubomir Ftacnik, Sune Berg Hansen und Karsten Müller mit genauem Spiel und sicherten mit drei Siegen schon einmal einen Mannschaftspunkt für die Schachfreunde Mülheim Nord. Besonders Kontantin Landa zollte Lubomir für eine feine strategische Leistung bei der Bundesliga-Nachlese im HSK Schachzentrum großen Beifall.
Karsten Müller aber hätte seine Stellung bei exaktem Spiel auch halten können, doch nach einem verpassten Damentausch landete er in der gefürchteten Gurken-Rubrik von Georgios Souleidis auf www.entwicklungsvorsprung.de:

Tregubov, Pavel V (2609) - Müller, Dr. Karsten (2515)
BL 0708 SV Mülheim Nord - Hamburger SK (14.4), 19.04.2008

30...Te8 [30...Dg7! 31.Dxg7+ Kxg7 32.Te5 Lb1 33.a4 La2 34.Tg5+ Kf8 35.a5 bxa5 36.d6 Txd6 37.Txc5 Td2 38.Txa5 Lc4=] 31.Sg4 Te1+ 32.Kh2 Dd6+ 33.Se5 Df6 34.Sg4 Dd6+ 35.Se5 Df6 36.Sxg6 fxg6 37.Dh7+ Kf8 38.Dh8+ Dxh8 39.Txh8+ und 1-0 nach 64 Zügen

Kommentar und Diagramm: www.entwicklungsvorsprung.de

Ein Brett dahinter musste sich Thies Heinemann gegen Vitali Golod über 40 Züge bis zum 67. Zug quälen, bis er bewiesen hatte, dass ihr Turmendspiel Remis ist. (Das Spiel bis zu den nackten Königen hat Vitali vermutlich in seinem mit 4-2 gewonnenen Zweikampf gegen Niclas Huschenbeth gelernt; da waren zur harten Prüfung des Youngsters die Sofia-Regeln vereinbart.) Auch Günther Beikert war nie verlustgefährdet, bekam aber am sechsten Brett das Remis gegen Felix Levin erst, als die Stellung auch wirklich keinerlei Chancen mehr bot. Mit diesen beiden weiteren Punkteteilungen hatten wir zumindest ein völliges Debakel verhindert. Und an Brett sieben hatten wir ja auch noch Oliver Reeh sitzen, der gegen Daniel Hausrath zwar die ganze Partie über positionell auf Verlust gestanden hatte, dann aber komplizierte Verwicklungen anstrebte, eine Linie für seine Schwerfiguren öffnete und schließlich einen folgenschweren Fehler provozierte, der es ebenfalls ins Gurkenglas schaffte:

Reeh, Oliver (2427) - Hausrath, Daniel (2499)
BL 0708 SV Mülheim Nord - Hamburger SK (14.7), 19.04.2008

Nach dem letzten Zug 42.Dd8 verpasst Schwarz die richtige Fortsetzung, die ihm das bessere Spiel gesichert hätte: 42...Sg3+? [42...Sxf4! 43.Tb1 (43.Sc8? Dh3 44.Dxe7+ Kh6; 43.Tf1 Sd5) 43...b5] 43.Kg2 Se2 44.Tc4 Kh6 45.Df8+ Kh5 46.Df6 Sxf4+ 47.Txf4 Dxf4 48.Dxe7 h6 49.Se8 g5 50.Sf6+ Kh4 51.Db4 1-0

Kommentar und Diagramm: www.entwicklungsvorsprung.de

Für uns bedeutete dieser Sieg in der letzten Partie ein wenig Ergebniskosmetik. Tatsächlich hatten die Mülheimer in einem einseitigen Wettkampf souverän ihre Ambitionen auf den 2. Platz hinter Meister OSC Baden-Baden untermauert. Wir fühlten uns dennoch mit dem 3-5 ganz wohl und sammelten unsere Kräfte für den Wettkampf gegen unsere Freunde aus Katernberg; Thies Heinemann hatte die Marschrichtung ausgegeben, ein ausgeglichenes Saisonergebnis sei doch Pflicht.

Runde 15: HSK - Sportfreunde Katernberg 5 ½ - 2 ½

„Mit solchen Leuten kann man doch nicht gewinnen!“ erklärte via Funk die Chefin eines Mülheimer Taxiunternehmens, als ihr Fahrer ein paar Minuten vor dem Hotel der Hamburger warten musste, obwohl er längst für weitere Touren eingeplant war. Einige Hamburger Spieler saßen schon im Taxi und wurden durch diesen Spruch nach einem guten Frühstück perfekt auf die Partie eingestimmt, bevor die fehlenden Spieler - ihre Namen sollen hier natürlich dezent verschwiegen werden - direkt aus der Dusche angehetzt kamen.
Der Katernberger Mannschaftsführer Ulrich Geilmann begrüßte mich mit den Worten, es gehe heute ja nur noch um die „goldene Ananas“. Wir aber hatten Thies Heinemanns Ansage im Kopf und wollten wirklich gewinnen. Die Katernberger gaben am achten Brett Sarah Hoolt eine Chance, Bundesligaluft zu schnuppern - Matthias Thesing musste aussetzen und versorgte uns in der „Kommentatoren-Kabine“ netterweise mit witzigen Kommentaren und fundierten Einschätzungen.

Foto oben: Die fröhliche Runde in der Live-Ticker-Ecke: Matthias Thesing, Thies Heinemann, Eva Maria Zickelbein, Sebastian Siebrecht,  Robert Ris, Christian Seel (v. l.) und Reste der Geburtstagstorte von Evs Schwester Daniela Zickelbein (inzwischen in NRW zu Hause).

Trotz unserer Siegesabsichten verabschiedeten sich einige Spieler mit einem kurzen „Arbeitstag“ von dieser Saison.
Sune Berg Hansen war nach seiner Verlustpartie vom Samstag (die erste nach 28 Partien!) deprimiert und nahm - natürlich nach vorheriger Rücksprache - eine frühe Remisofferte von Christian Seel in einer ausgeglichenen und wenig ambitionierten Slawisch-Variante an. Mit diesem Remis beendete Sune Berg Hansen eine gute Saison für den HSK, in der er mit 7 aus 11 und einer Performance von 2609 wieder einmal eine wichtige Stütze für das HSK Team war. Im nächsten Jahr feiert Sune sein zehnjähriges Jubiläum für den HSK!
Unglaublich, dass es schon zehn Jahre her ist, dass die jungen dänischen Großmeister Sune Berg Hansen und Lars Schandorff uns einen Brief schrieben und sich als junge, kämpferische Großmeister mit guten Deutschkenntnissen anpriesen - da griffen wir natürlich sofort zu und haben mit Sune Berg Hansen einen wichtigen Spieler und guten Freund bekommen! (Lars ging damals zu unserem Reisepartner Werder Bremen.) In der Saison 1998-99 war Sune Berg Hansen mit 5 aus 6 erstmals für den HSK aktiv.
Ein weiteres Schwarz-Remis lieferte Thies Heinemann ab, der gegen Robert Ris leicht schlechter stand und deshalb das Angebot annahm. Auch Thies Heinemann ist mit 8 aus 15 im leichten Plus und eine wichtige Konstante im HSK Team - trotz seines Umzugs nach München wird er uns auch weiter die Treue halten!
Diese beiden frühen Punkteteilungen nahmen uns zwei Schwarz-Bretter ab, und der Katernberger Teamchef Ulrich Geilmann war darüber etwas ungehalten. Nachdem dann auch noch Sebastian Siebrecht - mit Schwarz allerdings - Karsten Müller eine Punkteteilung angeboten hatte, musste Igor Glek am Spitzenbrett in leicht komfortablerer Stellung das Remis gegen Jan Gustafsson aus mannschaftstaktischen Gründen ablehnen.
Auch im HSK Team herrschte leichter Unmut über die frühen Punkteteilungen am Sonntagmorgen: Oliver Reeh beschwerte sich, dass die ganze Verantwortung auf den „alten Säcken“ laste. Doch diese Wendung stellte sich als Übertreibung heraus, als Dirk Sebastian, der am achten Brett gegen Sarah Hoolt spielte, noch vor der ersten Zeitkontrolle den ersten Punkt ablieferte. Dann gewann Lubomir Ftacnik seine inzwischen schon klar überlegene Stellung gegen Vladimir Chuchelov durch Zeitüberschreitung. Nach Meinung unseres slowakischen Freundes hatte Vladimir interessante Igel-Ideen aufs Brett gezaubert und hätte sicherlich noch bessere Remischancen gehabt, wenn er seine Zeit besser eingeteilt hätte … Damit hatten wir dann schon 3 ½ Punkte eingesammelt und konnten uns über das schöne Ende in der Partie am Spitzenbrett zwischen Igor Glek und Jan Gustafsson freuen - der Katernberger hatte seine Stellung auf der Suche nach Vorteil überzogen, und auch hier wurde schließlich die Zeit sehr knapp. Erst drehte Gusti das Blatt der Aktivitiät um und gewann dann noch einen Bauern - 4 ½ Punkte für den HSK. Dass wir dann noch das Drama am siebten Brett mit ansehen mussten, konnte die generell positive Einschätzung des letzten Bundesliga-Sonntags der Saison nur noch ein bisschen trüben: Oliver Reeh hatte mutig zwei Figuren geopfert und fand in der entscheidenden Phase die richtige Fortsetzung nicht - Anschlusstreffer für die Katernberger durch Christian Scholz.

Die letzte Partie des Tages lieferte Günther Beikert gegen Georgios Souleidis: Nachdem unser Neuzugang aus dem Süden fulminant mit 3 aus 3 in die Saison gestartet war, gab es eine kleine Schwächeperiode, die er dann aber mit diesem Sieg in der Schlussrunde beenden konnte! Sein Sieg ist eine gute Einstimmung auf die Internationale Hamburger Meisterschaft, die Günther Beikert in diesem Jahr erstmals mitspielt.


IM Dr. Günther Beikert (l.) vs. IM Georgios Souleidis

Der 5 ½ - 2 ½ Erfolg gegen unsere Freunde aus Katernberg „katapultiert“ uns auf den 8. Platz: Mit einem ausgeglichenen 15-15 Mannschafts- und 63-57 Brettpunkten schließen wir diese für uns schwere Saison doch noch mit einem respektablen Ergebnis ab.

Im Spitzenkampf schlug am Sonntag Werder Bremen den SV Mülheim Nord sicher mit 5-3 und verdrängte die Gastgeber vom lange behaupteten 2. Platz und knüpfte nach einer schwachen Saison 2006/07 an die starken Bremer Jahre an. Die Bremer freuen sich zunächst auf den Europa-Pokal und haben vor, auch den Titelkampf im nächsten Jahr zumindest etwas enger zu gestalten.

Eva Maria Zickelbein

 

Nachbemerkung
Leider konnte ich selbst unsere Mannschaft nicht nach Mülheim begleiten, da ich in einer Schachwoche im Elbe Einkaufszentrum engagiert war, der zweiten innerhalb von drei Wochen nach einer Veranstaltung im Phoenix-Center Hamburg Harburg. Diese Wochen unter dem Motto „Schach als intelligenter Jahrmarkt“ brauchen wir, um unseren Saisonetat zu finanzieren. Sie kosten viel Kraft und Arbeit, und so habe ich vergessen, an die Mannschaft weiterzugeben, was mir der Mülheimer Vorsitzende Heinz Schmitz schon vor einem halben Jahr erzählt hatte: dass Jakovenko in den Schlussrunden zu Hause den Mülheimer Sponsoren präsentiert werden sollte.

Meine Tochter hat mir begeistert von der Ausrichtung des Bundesliga-Events in Mülheim erzählt. Ich erinnere mich noch lebhaft an die glänzende Veranstaltung vor zwei Jahren im Großen Marmorsaal der örtlichen Sparkassen-Zentrale, die Till Schelz-Brandenburg mit den Business-Logen im Weser-Stadion zu den „Schachtempeln der Bundesliga“ zählt. Vor einem Jahr hatte ich das Glück, die Meisterschaftsfeier beim OSC Baden-Baden miterleben zu dürfen - und zugleich auch unsere Vizemeisterschaft feiern zu können, in diesem Jahr wäre ich sehr gern wieder in Mülheim gewesen. Wie vor zwei Jahren hatte Heinz Schmitz (Foto unten) wieder die Vertreter der Politik, der Wirtschaft und der Presse zu einem Gespräch eingeladen:

Die Schachbundesliga ist in Mülheim ein gesellschaftliches Ereignis. Und in Nordrhein-Westfalen nimmt auch die Führungsspitze des Schachbundes Anteil: Der Präsident Dr. Hans-Jürgen Weyer und sein Vizepräsident Hans-Jürgen Dorn waren am Sonnabend in Mülheim, am Sonntag der Ehrenpräsident des DSB und des Schachbundes Nordrhein-Westfalen Alfred Schlya. Er erzählte mir in Halle am Rande des DSB-Hauptausschusses mit freundlichem Lächeln, er habe in Mülheim meine Nachfolgerin getroffen, doch musste ich ihm leider sagen, dass Eva Maria Zickelbein ihr Amt als Teamchefin aufgibt, um andere Prioritäten in ihrem Leben zu setzen. Natürlich ist dies ein großer Verlust für den HSK, und noch wissen wir nicht, wie wir sie ersetzen können. Aber wir respektieren ihre Entscheidung und danken ihr für zwei erfolgreiche Spielzeiten, in denen sie die Mannschaft auf humorvolle und liebenswerte Weise geführt hat. Und gelegentlich wird sie, so hoffe ich, doch noch einmal mitfahren, wenn ich auch dabei bin.

Christian Zickelbein
Fotos: HSK

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