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8. Runde:  Lob des Kampfgeistes aller Teilnehmer

„Gilt die Sofia-Regel“ wurde vor dem Turnier scherzhaft gefragt. Sie gilt nicht, und doch spielen fast alle Teilnehmer in fast allen Runden nach eben dieser Regel - und das auch noch in der 8. Runde nach der anstrengenden zweiten Doppelrunde und vor der abschließenden Runde am Sonntag Morgen, zu einem Zeitpunkt, da keiner der Normenjäger noch eine Norm machen kann. Natürlich geht es noch um den Turniersieg, aber vor allem geht es den Spielern darum, Schach zu spielen und die Wahrheit auf dem Brett zu entdecken, von der sich um 21 Uhr auch Karsten Müller, der sich schon mehrfach verabschiedet hat, noch nicht trennen kann, zumal nach fünf Stunden Frank Sawatzki in der letzten laufenden Partie noch seine Gewinnversuche gegen Michael Kopylov fortsetzt.

Und tatsächlich gewinnt Frank Sawatzki und schließt damit zu Michael Kopylov auf! Michael verzichtete auf ein Dauerschach, sondern versuchte nach der Ablehnung seines Remisangebotes im 44. Zug selbst noch zu gewinnen. Dabei stellte er aber zunächst einen Bauern und dann, vielleicht entnervt, gar eine Figur ein:

Nach 53...Dh4+ 54.Kg1 folgte in der Diagrammstellung statt De1+ 54...Df6 55.Sd3 Ld4+ 56.Kf1 Kh6 57.Dh3+ Kg7 58.Dd7 Kg8 59.Sxf4 Le3 60.Sd5 Db2 61.Sxe3 Dc1+ 62.Ke2 1-0

Die beiden Dänen liegen nun vor der letzten Runde wieder einträchtig vorn. Jens-Ove Fries-Nielsen brauchte dazu einen Sieg gegen Sven Bakker, der sich nur kurz eines trügerischen Qualitätsgewinns erfreuen konnte, während Klaus Berg ein Remis reichte. Er hatte lange versucht, ein Springerendspiel mit drei gegen zwei Bauern auf einem Flügel zu gewinnen; er trieb zwar den weißen König in die Ecke, aber Dennes Abel opferte seinen Springer zu einem hübschen Pattschluss. Auch Sven wurde spektakulär matt gesetzt - schön, dass er das Matt für die Kiebitze auch aufs Brett bringen ließ - einige erzählten mir jedenfalls begeistert und zugleich voller Mitgefühl für ihren Klubkameraden vom Partieschluss, den ich selbst nicht miterlebt hatte.

Dennes Abel - Klaus Berg

Nach 72...Kf2 folgte in der Diagrammstellung 73.Sh6 Sxh2 74.Sxg4+! Sxg4 ½-½

Jens-Ove Fries-Nielsen - Sven Bakker

Mit 30...Sxd4 hatte sich Sven gerade einen Bauern geschnappt, nun aber folgte 31.Txd4! Txd4 32.Te7+ Kf6 33.Df7+ Kg5 34.g3 Dc5 35.h4+ Kg4 36.Df3+ Kxf3 37.Le2# 1-0

Sven erklärte anschließend: „Ich bin ausgefertigt“, und Wolfgang Pajeken übermittelte mir diese schöne niederländisch-deutsche Wendung fürs Bulletin und fügte hinzu, er sei es auch. Gegen  Martin Breutigam hatte er eine ausgeglichen Stellung auf dem Brett, versuchte dann aber einen fragwürdigen Bauerntausch und wurde spektakulär auf der Grundreihe matt gesetzt. Für Martin ist dies der dritte Sieg in Folge, so dass er wie Frank Sawatzki nun Kontakt zu den beiden führenden Dänen hat.

Martin Breutigam - Wolfgang Pajeken

Nach dem letzten Zug 26.Ld6 war die Fortsetzung  26...f4 27.Dxf4 Lxa2? zu verwegen oder beruhte auf einem taktischen Versehen: 28.Tc7! De8 29.Df7+! 1-0

Auch die zweite Remis-Partie der 8. Runde zwischen Evgueni Chevelevitch und Stefan Breuer wurde in einem Doppel-Turmendspiel ausgekämpft, bis absehbar war, dass der letzte  schwarze Bauer auf h3 den letzten weißen Turm kosten würde, so dass nur noch die nackten Könige auf dem Brett gestanden hätten: Remis nach 58 Zügen.

Rangliste nach der 8. Runde

Rg Teilnehmer ELO S R V Pkte SoBerg
1. Fries-Nielsen, Jens-Ove 2380 3 4 1 5.0 18.75
2. Berg, Klaus 2392 2 6 0 5.0 17.75
3. Kopylov, Michael 2469 3 3 2 4.5 18.00
4. Breutigam, Martin 2387 4 1 3 4.5 17.00
5. Sawatzki, Frank 2386 3 3 2 4.5 16.25
6. Abel, Dennes 2286 1 6 1 4.0 17.50
7. Chevelevitch, Dr. Evgueni 2431 1 6 1 4.0 15.75
8. Breuer, Stefan 2330 2 3 3 3.5 12.75
9. Pajeken, Wolfgang 2360 2 2 4 3.0 9.50
10. Bakker, Sven 2237 1 2 5 2.0 8.75

Der Stand vor der letzten Runde verspricht spannende Partien um den Turniersieg, obwohl die Mini-Preise (deren Höhe ich gar nicht zu nennen wage) eigentlich kaum einen Anreiz darstellen können. Es ist halt ein Turnier von echten Schachfreunden mit großem Kampfgeist - eine Sofia-Regel brauchen sie nicht!

(Text: Christian Zickelbein)

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