Smudo aus den Wolken ans Schachbrett
Rapper zieht sich bei Simultanschach-Veranstaltung in Hamburg achtbar aus der Affäre
von René Gralla, Neues Deutschland, 08.10.05
Eben hat er seine erste Stunde Kunstflug absolviert, ein paar Loopings inklusive hoch über dem südlichen Holstein. Die Nervenstärke, die Smudo dabei bewiesen hat – »Das ist weniger aufregend, als viele denken« – kann der Frontmann der deutschen HipHop-Band »Die Fantastischen Vier« jetzt gut gebrauchen: Zusammen mit 29 anderen Wagemutigen, darunter der ND-Autor, fordert Smudo Großmeister Alexej Schirow (33), aktuell Nr. 14 der Weltrangliste, zu einem Wettkampf im Simultanschach. Ein intellektuelles Kräftemessen, das den Stunts eines Jackie Chan gleicht, wenn er eine Übermacht von Angreifern ausknockt – mit dem Unterschied, dass der Showdown in Hamburgs Alsterdorfer Sporthalle virtuell abläuft und keine sichtbaren Blessuren hinterlässt.
Allein gegen eine 30-köpfige Übermacht
Simultanspieler und Kosmopolit Schirow, in Riga als Kind russischer Eltern
geboren und zwischenzeitig Besitzer eines spanischen Passes, tritt gegen 30
Kandidaten gleichzeitig an: Höhepunkt der Festwochen, mit denen
der Hamburger Schachklub (HSK) von 1830 in diesen Tagen sein 175-jähriges
Gründungsjubiläum begeht. Und dafür den Rapper Smudo als Stargast eingeladen hat.
Schließlich ist der auch bekennender Schachfan. Im April 2005 trug er vor dem
umjubelten Auftritt der »Fanta 4« in Leipzigs Arena ein
spektakuläres Duell aus mit Deutschlands schönster Denksportlerin, Tina Mietzner aus Dresden
(ND berichtete) – und nun steigt Smudo wieder in den Ring zum
Schlagabtausch mit einem Alexej Schirow, der nur knapp das Ticket zur WM im argentinischen
San Luis verpasst hat. 17 Uhr an einem sonnigen Nachmittag im
Frühherbst, GM Schirow beginnt den Simultan-Marathon und schreitet die Front der
insgesamt 30 Bretter ab: an der Innenseite eines länglichen Hufeisens, das von
Tischen gebildet wird, hinter denen die Probanden des Großmeisters sitzen.
Eine Frage der Ehre
Und schwitzen; denn Profi Schirow ist es gewohnt, so wenig Punkte wie
möglich abzugeben, das ist eine Frage der Ehre, kein Zweifel.
Zurückhaltend, beinahe schüchtern gibt sich der große Blonde, aber schon
nach den ersten Manövern wird klar: Dieser Mann, der leise spricht, ist ein
sanfter Killer. So ruhig, dass du Gänsehaut kriegst.
Das merkt der ND-Autor, als er gegen Schirow – der, ein Privileg des
Simultan-Artisten, ausnahmslos die weißen Farben führt
– die »Französische Verteidigung« wählt. Schwarz nimmt seine Abwehr zurück,
bildet dafür eine Kette aus Bauern, die sich fest unterhaken: Das hat sich bereits bewährt
im berühmten Städtevergleich London gegen Paris 1834, daher besagtes Label
für das Defensivsystem von der Seine.
Land unter
Nun gut, Paris 1834 ist leider Geschichte, und Schirow die Gegenwart:
freundlich, aber unnachsichtig. Bis zum zehnten Zug folgt die Partie
den Vorschlägen der Theorie, dann aber kann sich der ND-Autor partout
nicht mehr an die korrekte Fortsetzung erinnern, versucht einen Kurzpass nach links
durch die Mitte – und sieht kein Land mehr.
Ohne Hektik dreht Schirow seine Runden, bleibt an jedem Brett kurz stehen, ein
prüfender Blick, vielleicht zwanzig, dreißig Sekunden – und die nächste Figur
rückt vor, unaufhaltsam Richtung Königsburg des Opfers. Das Team des ND-Autors
wird in der eigenen Hälfte eingeschnürt, Schirows Angriff
rollt präzise wie ein Uhrwerk, Zug Nr. 27 zwingt mich zur Aufgabe – gerade rechtzeitig,
um nicht matt gesetzt zu werden. Nach fünfeinhalb Stunden ist alles vorbei: 24
Partien hat Schirow gewonnen, kein Match verloren und nur sechs Unentschieden
zugelassen: unter anderem gegen die HSK-Bundesliga-Kaderfrau Leonie Helm (21) und
das Nachwuchstalent Beini Ma (12). Und Smudo? Der ist aus der
Eröffnung ordentlich herausgekommen, bis er eine Aktion in der Zentralregion des
64-Felder-Quadranten verstolpert: ein Konter von Schirow, weit nach vorne
vorgetragen aus der Tiefe des Raums – und plötzlich liegt Smudos schwarzer
König am Boden, 1:0.
Alexej Schirow zollt dem Rapper Respekt. Und freut sich, einen populären
Künstler wie Smudo am Brett zu treffen: »Das beweist, dass
Schach ein Spiel ist, dass vielen Menschen etwas geben kann – egal, ob sie Profi
sind oder Amateur.« Smudo nimmt die Niederlage sportlich: »Es war
interessant, am Ende der Partie festzustellen, dass man viele Züge, bevor man es ahnte,
bereits verloren hatte.« Wenn es sein Terminkalender zulässt,
möchte er demnächst an einem »Freundschaftsturnier« teilnehmen, mit »Leuten
meiner Spielklasse«, wahrscheinlich im Klubheim des HSK. Vorher aber startet er richtig
durch. Er fliegt nach Kalifornien, um am Sonntag für SAT.1 zusammen mit dem
Sportreporter Dirk Seemann das »Red Bull Air Race« zu kommentieren: ein
Kunstflugrennen über der Bay von San Francisco.
Fette Verse, schnelles Schach und krasse Loopings: Das Leben kann wie HipHop sein.
TV-Tipp: Smudo auf SAT.1, 9.Oktober, 17 Uhr: »Red Bull Air Race« (Co-Kommentator u.a. Smudo)