Schach-Vizeweltmeister
Shirov kehrt zu seinen Wurzeln zurück
HSK feiert bis Sonntag 175jähriges Jubiläum
von Roger Stilz
Die Welt, Artikel erschienen am Sam, 8. Oktober 2005
In diesen Tagen reiht sich in der
Alsterdorfer Sporthalle ein Tisch an den anderen. Das Bild erinnert an
ein überdimensionales Klassenzimmer. Und obwohl etliche Zuschauer im
großen Rund umherschlendern und viele konzentrierte Köpfe über die Tische
gebeugt sind, ist es in der Halle ganz ruhig, denn der Schachsport kommt auf leisen Solen daher.
Mit einem Turnier feiert der Hamburger Schachklub (HSK) von 1830 e.V. sein 175jähriges
Bestehen. Das Schachfestival dauert noch bis Sonntag an und wartet mit verschiedenen Facetten des
Schachspiels auf. Das Spiel ist nicht immer gemächlich und wohlüberlegt. Wenn
auf Zeit gespielt wird, dann ist es hektisch, und es wird um Sekunden gekämpft.
Es will geübt sein, die ablaufende Uhr schnellstmöglich mit der Hand
anzutippen. Bei den "Hamburg Open" sind mehr als 400 Teilnehmer aus
26 Nationen angemeldet. Unterteilt ist die Veranstaltung in die sogenannten A-Open
und B-Open, zudem wird ein Familien-Wettbewerb ausgetragen, bei dem je zwei
Familienmitglieder als Team miteinander antreten.
Nach dem Hamburger Turnverband ist der Hamburger Schachklub der zweitälteste
Verein in der Hansestadt. Er verzeichnet in der deutschen Schachszene zugleich die größte
Jugendabteilung. Florian Held, Hamburger Meister in der Klasse U16, Beini Ma, Teilnehmer an der
U12-Weltmeisterschaft, und Leonie Helm, Bundesligaspielerin für den HSK, gehen
aus dieser Abteilung hervor. Alle drei sind sie gegen einen Rückkehrer, der
Anfang der Woche besonders herzlich in der Halle empfangen wurde, angetreten:
Alexei Shirov war 18 Jahre alt, als er für die Bundesligamannschaft des HSK
spielte. Mittlerweile gehört der heute 33jährige Vizeweltmeister der FIDE mit
einer ELO-Zahl von 2705 (Stand: Juli 2005) zur Weltspitze.
Zum Jubiläum kam der gebürtige Lette nach
Hamburg zurück und spielte eine Simultan-Partie, bei der er
zeitgleich an 30 Brettern spielte. Shirov ging dabei von Tisch zu Tisch und machte
jeweils einen Zug. Auf diesen hatten die Gegner zu antworten, sobald Shirov wieder am
Tisch vorbeikam. Er verlor keines der 30 Spiele. Ma und Helm erreichten
immerhin ein beachtliches Remis gegen den Großmeister, Held verlor seine Partie.
"Ich freue mich, mal wieder in Hamburg
zu sein, und erinnere mich gern an die Zeit beim HSK zurück", sagt
Shirov, der sich gern etwas Zeit nahm, seinen Nachfolgern den einen oder
anderen Tip mit auf ihren Weg zu geben.
In den vergangenen sechs Jahren konnte die
Veranstaltung aufgrund von finanziellen Engpässen nicht durchgeführt werden.
Das Jubiläumsturnier soll aber keine Eintagsfliege sein. "Wir wollen im
nächsten Jahr wieder einen Wettkampf organisieren. Dann sogar mit einem
Großmeisterturnier", sagt der erste Vorsitzende des HSK, Christian
Zickelbein. Gerade Schachspieler, die eine ELO-Stärke von 2500 aufwärts
vorweisen müssen, lassen sich nicht kostenlos engagieren. Deshalb ist der HSK
auf Sponsorensuche.