Kampf um die Spitze
Nach relativ vielen schnellen Remisen in den letzten Partien ist seit gestern Schluss mit lustig. An den ersten Tischen waren sich lediglich Robert Kempinski und Yuri Solodovnichenko relativ schnell einig, an den nächsten sieben Tischen wurde erbittert um den vollen Punkt gekämpft. Vereslaw Eingorn sicherte sich in der ihm eigenen Art den Sieg gegen Anatoli Donchenko. GM-Norm Kandidat Michael Kopylov versuchte mit einem schnellen Remisangebot seinem Ziel näher zu kommen, aber er hatte die Rechnung ohne Namig Gouliev gemacht. Der Azerbaidschaner, der mittlerweile in Frankreich wohnt, hatte in den letzten beiden Runden genügend Kraft gespart und zieht nun zum großen Schlussspurt an. Ein seltenes Phänomen in einem offenen Turnier, die beiden alleine Führenden treffen morgen im direkten Duell aufeinander. Die Fans fordern natürlich einen langen spannenden Kampf um den Turniersieg!!!
Sollte es ein schnelles Remis geben stehen bereits mehrere Spieler bereit, die beiden noch vom Thron zu stürzen. Edvins Kengis besiegte gestern den Jungstar Alexander Riazantsev, Alexander Kovchan konnte mit den schwarzen Steinen Andrej Shchekachev besiegen. Eine starke Vorstellung zeigte auch Jens-Uwe Maiwald, der dem sympathischen Griechen Stelios Halkias keine Chance ließ. Ebenso wenig Land sah Piotr Murdzia, der noch gut im Rennen um eine GM-Norm lag. Doch Valdimir Baklan machte von Anfang an Druck: „I was fighting for a draw from the beginning, he has played very good.“ war Piotrs Kommentar nach der Partie.
Ein heißes Duell fand auch zwischen Lubomir Ftacnik und Friso Nijboer statt. Lubo hatte eine Überraschung vorbereitet und wollte unbedingt gewinnen, aber Friso, der die Woche über bei unserem „Schachstadt Hamburg“-Autor Andre van de Velde wohnt, reagierte brilliant und erreichte bald die angenehmere Stellung. Lubo war schwer beeindruckt: „Ich habe bis kurz vor Schluss auf meine Chance gehofft, aber er hat sehr stark gespielt.“
Heute geht es für Friso mit Weiß gegen Vladimir Baklan und auch hier wird sicherlich das Brett in Flammen stehen.
Wenig Probleme hatte der Magdeburger Jugendliche Jewgeni Degtiarev gegen den erfahrenen Großmeister Eduardas Rozentalis, in einem Nimzo-Inder machte er bald Druck und geriet nie in Gefahr. Am Ende stand ein verdienter halber Punkt, mit einem Sieg in der letzten Runde gegen Stelios Halkias winkt mit Sicherheit eine IM-Norm. Viel Glück!
Viel Pech hatte Sebastian Siebrecht. Mit seinem Kumpel
Falko Meyer hatte er am Abend zuvor schon gewitzelt: „Ich
weiß genau, der erste Zug mit dem ich auf Gewinn spiele, wird mein vorletzter sein.“ Es
folgte eine lange Nacht im „Cult“ und eine lange Partie die des
öfteren hin und her wogte. In den letzten Minuten der Runde hatte Falko dann doch das bessere Ende
für sich und spielt morgen gegen Michael Kopylov zum ersten Mal in der
ersten Tischreihe, die er selber eingefordert hatte.
Als Hamburger hat vor allem Dirk Sebastian gute
Norm-Chancen, der sich gestern lange gegen die Gewinnversuche unseres
Neuzuganges Dorian Rogozenko wehren musste und am Ende durch
Dauerschach das Remis forcieren konnte. Heute kommt es zum direkten Bundesliga-Duell
zwischen Dirk und Lubo.
Ein gutes Turnier spielt die gesamte Familie Colpe, Helge verlor zwar heute gegen das amerikanische „Wunderkind“ Fabiano Caruana, hat aber immer noch gute Chancen auf einen Ratingpreis. Sein kleiner Bruder Malte hielt gestern gegen seinen Vereinskameraden David Meier (immerhin rund 300 Punkte „schwerer“) relativ locker remis und hätte vielleicht sogar auf den ganzen Punkt gehen können. Und der mittlere Bruder Lennart hat seine Schwächephase in den letzten beiden Runden überstanden und kämpft nun im B-Turnier noch um die Preise.
Und auch die Familie Schulz liegt immer noch gut im Rennen. Vater Michael verlor zwar gestern gegen Georgios Souleidis, aber seine Tochter Steffi besiegte Theo Gollasch und hat damit bereits die 50% gesichert.
Die Morgenstern leuchtet über dem B-Turnier
Am Spitzenbrett hat Petra Morgenstern gegen den Vorsitzenden der Bremer SG Herwarth Ernst, der als Weißer im Sizilianischen kein Spiel bekam, überzeugend gewonnen. Nun hat Petra vor der Schlussrunde einen Punkt Vorsprung vor ihren beiden letzten Verfolgern Matthias Lohrie und Simon Henke. Doch ist die Entscheidung noch nicht gefallen, denn es gibt ein echtes Finale zwischen Petra Morgenstern und Matthies Lohrie, der genauso wie Simon Henke noch einen halben Buchholz-Punkt zurückliegt. Ein Remis bedeutete natürlich Platz 1 für Petra, aber da sie prinzipiell auf Sieg spielt und ihr Gegner Matthias gern ein scharfes Schach, könnte es spannend werden: in der Partie zwischen den beiden und in Petra selbst. Remis und Platz 1 oder Kampf auf Biegen und Brechen wie bisher? Mit dieser Frage sollte sie sich weniger beschäftigen als mit ihrem gefährlichen Gegner!
Matthias Lohrie schlug André Ahrens, weil der eine Angriffsmarke der langen Rochade nicht zu einem gefährlichen Bauernsturm nutzte, sondern die Rochade auf eine Weise aufriss, dass die weißen Figuren zentrale Positionen besetzen und nicht nur alle Drohungen abwehren, sondern sogar einen eigenen Angriff zum Figurengewinn einleiten konnten.
Simon Henke schob sich in die Verfolgerposition durch einen schnellen Sieg gegen Hauke Knop, der ein Figurenopfer zur Zerstörung des Bauernschutzes zuließ und nun leider auf Rang 11 zurückgefallen ist.
Ralf Blittkowsky und Werner Voss trennten sich friedlich und verabschiedeten sich damit aus dem Kampf um den 1. Platz. Werner Voss klagte über den „Fehler seines Lebens“, er hatte eine Figur geopfert, aber statt Königsangriff nur zwei Bauern bekommen.
Lennart Colpe kann nach seinem Sieg gegen das Morra-Gambit von Thomas Richert doch wieder, wenn’s gut für ihn läuft, aufgrund seiner guten Buchholz um Platz 2 mitspielen - ebenso wie Herwarth Ernst und Werner Voss.
Katja Stellwagen hatten Dirk Sebastian und der Berichterstatter bei einem Spaziergang vorbei an ihrem Brett nach 10-12 Zügen eine Lektion Pirc-Verteidigung verordnet - selbst Dirk gab ihr nur noch 10-11 Züge, aber sie gewann nach 34 Zügen im Endspiel, nachdem sie den Angriff entschärft hatte.
Noch ein Beispiel für Frauen-Power im Walter-Robinow-Turnier: Annica Garny (12), die vor ein paar Runden in der fünften Stunde ein besseres Endspiel nach einem Läuferspieß verloren hatte, gewann sensationell gegen Werner Haak mit einer Figur für zwei Bauern ein schwieriges Endspiel dank ihres konzentrierten Spiels: Mit 4 ½ aus 8 überzeugt Annica in ihrem ersten langen Turnier!
Text: Team Hamburger Schachfestival