Zurück

Streiflichter rund ums Hamburger Schachfestival

Wer seine Weichware aktualisieren oder seine Partiesammlung erweitern will, der braucht ein "Update". Am Demonstrationsbrett erweitert IM Merijn van Delft die Bedeutung dieses Wortes aus der Computersprache. "Wir brauchen ein Update", sagt der Meister, wenn er wissen will, wie die Partien in der Sporthalle stehen. Nicht auf der Datenautobahn flitzen die Züge von den Spitzenbrettern zur van Delftschen Analyserunde, sondern zu Fuß, übermittelt von den zahllosen Turnierhelfern, die den Kempinskis, Eingorns und Ftacniks über die Schulter schauen, mitschreiben und ihre Notizen rechts vom Foyer am Ende des Ganges abliefern. Als van Delft am Montag ein Update brauchte, hatte die Turnierleitung schnell einen Zugboten gefunden. Ein Missverständnis: Der junge Mann dachte, er solle den Schächern am Demobrett sein sensationelles Remis gegen Meister XY vorführen. Dann merkte er, dass er die Züge anderer Partien heranschaffen soll, anstatt seinen Geniestreich bestaunen zu lassen.


Merijn van Delft beim Live Kommentar.


Malte Colpe vom HSK


gegen Laura Fernandez aus Marseille

Besser als diesem Nachwuchsstrategen erging es dem Hamburger Eigengewächs Malte Colpe, dessen Training mit Jan Gustafsson offensichtlich fruchtet. Colpe zeigte seinen Zweitrundensieg gegen die französische U14-Meisterin Laura Fernandez. Warum er (nach 1.d4 f5) 2.Lg5 zieht, war schnell erklärt: "Das hat mir Gusti gezeigt." Van Delft lobte das Partiefinale, dessen volle Pracht sich entfaltete, weil die junge Französin wie die alten Meister fraß, was ihr vorgeworfen wurde. "Geiles Opfer", sagte van Delft und frohlockte, weil sich nun ein Hamburger revanchiert hat für Fernandez' Sieg über seine Freundin und Turnierchefin Eva Maria Zickelbein neulich bei einem Frauenturnier in Frankreich.

20 Liter Koffeinsaft brüht die Kaffeemaschine im Foyer. "Nur 20 Liter", sagt der Mann hinter der Theke. Wenn frühmorgens gegen 10 Uhr 400 Schachspieler mit 800 Augenringen in die Sporthalle strömen, sind 20 Liter Kaffee schnell ausgeschenkt. Wer spät kommt, absolviert bis zum Kaffeemaschinenupdate die ersten Züge ohne Wachmacher. Trotz des ungezügelten Kaffeekonsums sind Dopingkontrolleure der FIDE in Alsterdorf bislang nicht aufgefallen.


Kaffee ist noch erlaubt.

Auch Leibesvisitationen sind ausgeblieben, obwohl es als Betrugsversuch gilt, sobald ein Spieler sein Mobiltelefon - ausgeschaltet oder nicht - mit ans Brett bringt. So hat es HSK-Vorsitzender Christian Zickelbein vor Turnbierbeginn erklärt. Die Dunkelziffer derartiger "Betrugsversuche" dürfte hoch sein. Schätzen lässt sie sich anhand der Zahl der Garderobenverweigerer, die ihre Jacke lieber über ihren Stuhl hängen. Interessant wäre festzustellen, wie viele der in die Sporthalle geschmuggelten Telefone Schach spielen können und welches Elo-Niveau die kleinen Nervtöter erreicht haben. Stark genug, Eingestelltes wegzunehmen, sind sie offenbar. Hohn und Spott seines Trainers Silvio Danailow musste vor einigen Monaten der ehemalige FIDE-Weltmeister Ruslan Ponomarjow ertragen, als er gegen dessen Telefon einen Bauern eingestellt hatte (dokumentiert auf chessbase.de).

"Fußball ist ein Spiel, bei dem 22 Männer einem Ball hinterherlaufen, und am Ende gewinnen die Deutschen." So oder ähnlich hat der englische Mittelstürmer Gary Lineker seinen Frust formuliert (Zitat und Urheber sind in Ermangelung eines Internetzugangs nicht geprüft, der Leser möge googlen oder glauben), als die Krauts mal wieder Welt- oder Europameister geworden und die Inselkicker wie immer leer ausgegangen waren. "Schach ist ein Spiel mit 32 Figuren, und am Ende gewinnt der Großmeister", sagte nach der zweiten Runde Matthias Krallmann. Mit Schwarz gegen Lubomir Ftacnik hatte der Bielefelder Oberligaspieler gutes Spiel erlangt und seine schöne Stellung kurz vor der Zeitkontrolle verdaddelt. Wahrscheinlich fühlte er sich ähnlich wie Ex-HSVer Thomas von Heesen (am Samstag 44 Jahre alt geworden), jetzt Trainer in Bielefeld, dessen Arminen zwei Tage zuvor in Leverkusen eine Gewinnstellung einstellten. Von Heesens Schicksal allerdings interessiert in Hamburg derzeit kaum jemanden. Die Euphorie um den HSV ist auch in der Sporthalle zu spüren. Die Gespräche der Sonnenanbeter vor der Halle umkreisen drei Themen: van der Vaart, Schach - und Poker, seit einiger Zeit der Zweitdenksport unter Schachspielern, für den sich unter anderem prominente Jünger Caissas wie die Hamburger Jan Gustafsson und Matthias Wahls begeistern.

Angemerkt sei noch:

Wer im Parkhaus am Hauptbahnhof vorab bezahlt, bekommt den Stellplatz um mehr als 60 Prozent günstiger.

Der sonnenbebrillte Schachspieler auf den Petroff-T-Shirts im Foyer ist nicht Petrow. Das mag mit dem Umstand zusammenhängen, dass die Sonnenbrille noch nicht erfunden war, als der Russe 2...Sf6= ersonn. Der Hutträger auf den Sicilian-Shirts dagegen ist zweifellos als Sizilianer zu erkennen.

Apfelschorle oder Wasser in 0,4-Liter-Bechern schmecken in der Hamburger Sporthalle anders als anderswo. Verantwortlich für den Beigeschmack ist das Reinigungsmittel, mit dem die Plastikbecher gespült und desinfiziert werden. Cola schmeckt in Alsterdorf wie überall, weil der viele Zucker in der Limonade den Beigeschmack übertüncht.

Hohe Absätze klackern auf Sporthallenböden besonders gut.

Conrad Schormann

 


Vielen Dank an Conrad Schormann für diesen Bericht!

Fotos: Team Hamburger Schachfestival

Zurück